Freitag, 28 August, 2009
Es geht weiter...
... und zwar hier.Heute mit einem artikel zum geburtstag Ludwig Tureks und in zukunft auch wieder regelmäßiger.
Bitte die verlinkungen zum neuen blog legen - ALLE bisher verlinkten bekommen neue und noch schönere links, wenn ich herausgefunden habe, wie das alles hier funktioniert.
Sonntag, 17 Mai, 2009
ARDthemenwoche Ehrenamt. Keine Chance für die chancengleichheit
Filmchen wie diese muten rührend an. Ehrenamtliche helfer, die kinder aus armen vierteln motivieren, etwas zu lernen und - oh wunder - sie sind nicht dümmer als die kinder aus den villenvierteln.Demzufolge werden sie also etwas später ausgesiebt. Die bezahlten stellen werden später die kinder erhalten, deren eltern einfluß haben und in der lage sind, diesen einfluß auch geltend zu machen.
60 jahre nachdem die CDU in den Düsseldorfer Leitsätzen
ich zitiere daraus wörtlich
»eine gerechte verteilung der wirtschaftlichen erträge und eine soziale gesetzgebung müssen aus den vermögenslosen schichten unseres volkes in großem umfange besitzende eigentümer machen. Neben größtmöglicher streuung des eigentums bejahen wir im industriellen raum unternehmungsformen in gemeineigentum dann, wenn sie wirtschaftlich zweckmäßig, betriebstechnisch möglich und politisch notwendig sind.«desweiteren waren darin das recht auf arbeit, freie berufswahl und, ich zitiere:
»eine staatliche begabtenförderung soll auch allen schichten aufstiegsmöglichkeiten bieten. Die berufsberatung hat die aufgabe, den jugendlichen dabei helfend zur seite zu stehen. Die arbeitsvermittlung darf die persönliche freizügigkeit nicht beschränken. dienstverpflichtungen sind abzulehnen.«
die sogenannte Soziale Marktwirschaft in ihr wahlprogramm aufnahm, kann man selbige nach 40 jahren CDUregierung als auf ganzer linie gescheitert ansehen. Nach diesen jahren des »wohlstands für alle« ist es nicht tragbar, daß immer noch menschen in der situation sind, vom gesellschaftlichen wohlstand ausgeschlossen zu sein. Das dürfte bedeuten, daß auch die von mir nicht zitierten grundsätze der Sozialen Marktwirtschaft nicht funktioniert haben. Es steigen mehr menschen ab als auf.
Ich vergaß: »Wer sich nur ordentlich anstrengt, kann auch ordentlich was werden«, damit sollte klar sein, wer nichts geworden ist, war faul und hat unser mitleid nicht verdient.
Dienstag, 12 Mai, 2009
Lebensverhältnisse wie im 19. Jahrhundert erwünscht oder: Wissenswertes über Erlangen
Vor wenigen wochen wurde eine neue studie der INSM vorgestellt. Ein »regional-ranking«, also sozusagen eine »hitparade der besten gegenden« in Deutschland. Eine studie, um die viel wirbel gemacht wurde, obwohl sie für den normalen bürger, lohn- und mehrwertsteuerzahler wertlos ist.Wie meine stadt in diesem hochwissenschaftlichen ranking punktet, werde ich zum glück nie erfahren, weil die INSM sich an Berlin gar nicht erst herangewagt hat, also greife ich willkürlich eine andere stadt heraus:
Erlangen. Über diese stadt gibt es bekanntermaßen viel wissenswertes.
Erlangen liegt im bundesvergleich auf platz 7. Laut studie der INSM hat die stadt den höchsten anteil an ingenieuren und hochqualifizierten (12,1 % bzw. 25,3 %, im bundesdurchschnitt 2,2 % bzw. 7,8 %) unter den sozialversicherungspflichtigen beschäftigten. Allerdings wurden in Erlangen rund 14 % mehr straftaten registriert als im bundesdurchschnitt. Weil der erhöhte anteil an ingenieuren irgendwie mit der erhöhten kriminalitätsrate korreliert, könnte man aus dieser statistik auch herauslesen, daß ingenieure eine höhere kriminelle energie an den tag legen als normale menschen. Klingt plausibel, denn wahrscheinlich haben die ein größeres »know-how«, wie man tresore knackt, banknoten fälscht oder statistiken schönrechnet.
Positiv schlägt zu buche, daß auf 100 Erlanger 38,1 berufspendler kommen. Daraus schließt man bei der Initiative für Neoliberale SchönrechnungsMathematiker, daß es dort attraktive arbeitgeber gäbe.
Der hohe anteil der pendler liegt selbstredend auf keinen fall an wohnungsknappheit oder überteuerten mieten und schon gar nicht an arbeitsverhältnissen, für die es sich nicht lohnt, umzuziehen.
Ich kenne die aktuelle situation in Erlangen nicht, jedoch ist mir aus anderen städten bekannt, daß viele menschen pendeln, weil arbeitsplatznahes wohnen unbezahlbar ist. Ein anderer grund, lange anfahrtswege in kauf zu nehmen, sind unsichere arbeitsplätze. Wer einen befristeten arbeitsvertrag hat, ist wahrscheinlich eher bereit, stundenlang zu fahren, als das gewohnte soziale umfeld zu verlassen und am ende in einer fremden stadt arbeitslos zu versauern, ohne aussicht, jemals wieder zurück zu können.
Eine hohe pendlerquoute ist demzufolge für nicht unbedingt ein indiz für gute arbeitsbedingungen. Mit diesen zahlen könnte man genausogut eine schieflage »beweisen«. Wenn menschen nicht in arbeitsplatznähe wohnen und kostbare zeit unterwegs verbringen, sind die bedingungen nicht attraktiv genug für einen wohnortwechsel.
Als negativ an Erlangen wird gewertet, daß das lohnniveau dort 41 % über dem bundesdurchschnitt liegt. Ist das ein wunder, wenn dort viele gut qualifizierte arbeiten? Hat die neoliberale seele erst ruh‘, wenn alle löhne unter 7€50 pro stunde gedrückt sind? Ist ein niedriges lohnniveau volkswirtschaftlich überhaupt sinnvoll?
Armutslöhne sichern den luxus der reichen, auf keinen fall sichern sie das überleben des sogenannten mittelstandes, dessen komplette auslöschung offensichtlich ziel der INSM ist: zu ausbeuterlöhnen kann man kein handwerk betreiben. Der lebensstandard schrumpft und es ist nicht mehr möglich ihn durch wissen oder können zu sichern.
Den abhängig beschäftigten soll diese art der propaganda einbläuen: Wenn Ihr funktioniert, geht es Eurer region gut.
Ein klebriger zahlenbrei ergießt sich, wenn man sich dann auch noch die »hitparade der demografie« antut. Hier wird mit folgenden werten gerechnet:
- Anteil der unter 20-Jährigen an der Bevölkerung in Prozent
- Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung in Prozent
- Alterskoeffizient (Verhältnis der 20- bis 60-Jährigen zu den 60-Jährigen)
- Geburtenüberschuss je Einwohner
- Lebenserwartung (gewichtet nach Geschlecht)
- Erwerbsquote in Prozent
- Arbeitsplatzwanderungen (Zuzüge abzüglich Fortzüge der 25- bis 30-Jährigen in Prozent der Altersgruppe)
Hieraus ergibt sich, daß für die INSM die welt völlig in ordnung ist, wenn auf verschleiß gearbeitet wird und die menschen munter abkratzen, bevor sie an rente auch nur denken können. Hauptsache, die leute arbeiten und produzieren nebenher noch einen geburtenüberschuß, den man auf späteren kriegsschauplätzen verheizen kann.
Es reicht vollkommen aus, wenn eine dünne oberschicht die lebenserwartung möglichst weit nach oben drückt und die breite unterschicht nutzbar ist und nicht vor dem wehr- bzw. gebärfähigen alter abtritt, ohne die »pflicht« erfüllt zu haben. Für diese menschen ist es schicklich, nützlich zu sein. Ameisengleich dienst zu tun und abzutreten, bevor das rentenalter sie ereilt oder krankheit kosten verursacht.
Das weltbild, das hier vermittelt wird, ist äußerst rückschrittlich und paßt in das vorvergangene jahrhundert. Die menschen sollen nicht um das eigene wohlergehen besorgt sein, sondern um das wohlergehen derer, die »gottgegeben« das sagen haben.
Die studie belegt vor allem eines: der buchstabe »S« steht bei der INSM keinesfalls für »sozial« (= das zusammenleben der menchen in staat und gesellschaft betreffend), sondern für »sponsored« (= für werbezwecke finanziert)
Mittwoch, 25 Februar, 2009
Hildesheimer Schüler werden auf spätere »Karriere« optimal vorbereitet
Die stadt Hildesheim hat beschlossen, im zuge von sparmaßnahmen die schulen seltener von fachpersonal reinigen zu lassen. Stattdessen sollen die schüler öfter selber zu feudel und schrubber greifen und verunreinigungen selbst beseitigen.In zeiten, in denen auch ein solider realschulbaschluß nur zu einer staatlich geförderten ausbildung zum gebäudereiniger ausreicht, sind solche praxisnahen unterrichtsinhalte in gewissen kreisen sicherlich erwünscht.
Die jungen menschen werden bei zeiten an die arbeit, die sie später ausüben sollen, herangeführt, ohne sie zuvor unnötig mit wissen zu belasten.
Sonntag, 22 Februar, 2009
Millionenhilfe für milliardäre?
Es ist in mode gekommen, daß nach fehlspekulationen die abhängig beschäftigten aus angst vor dem sozialen abstieg wie in geiselhaft sitzen, um vom staat geld zu erpressen.Es ist verständlich, daß die werktätigen in Herzogenaurach angst um ihre arbeitsstellen haben. Unsere gesetzgebung hat dafür gesorgt, daß sie nach verlust der arbeit verlieren, wofür sie gearbeitet haben. Aber warum fordern sie geld für frau Schaeffler, die in ihrem leben mehr als genug gescheffelt hat?
Es ist nicht richtig, um geld für frau Schaeffler zu betteln, es ist an der zeit, geld von frau Schaeffler zu verlangen.
Das lebenswerk der abhängig beschäftigten ist angreifbar. Warum nicht das ererbte oder ergaunerte kapital? Früher hieß es, der unternehmer verdiene mehr, weil der die verantwortung trage. Das ist hinfällig, wenn im fall von fehlmanagement die verantwortung auf den staat abgewälzt wird, um arbeitsplätze zu retten. Es ist nicht einsehbar, daß die masse der menschen, die um ihren lohn betrogen wird, auch noch für die gier ihrer ausbeuter aufkommen soll.
Frau Schaeffler ist verantwortlich für fehlentscheidungen im management. Und somit dafür, daß die menschen, die gute arbeit geleistet haben, demnächst, ob mit staatlicher hilfe oder ohne, auf der straße stehen werden.
Warum fordern die leute, die nun den abstieg befürchten müssen, keine staatliche unterstützung für sich selbst?
Sonntag, 15 Februar, 2009
Professor Roßnagel und das Lebenslange Lernen
Den begriff des lebenslangen lernens hörte ich zum ersten mal in den frühen 90er jahren. Damals wurde propagiert, daß der arbeitnehmer sich nicht, wie das »früher« angeblich üblich gewesen sein soll, sein leben lang auf seiner ausbildung »ausruhen« könne, sondern daß der rasende technologische fortschritt den menschen dazu verurteile, lebenslänglich der modernsten technik hinterherzurennen.
Die alltägliche praxis seit dem zeigt, daß es nicht um bildung geht, sondern darum, wie man sie unterbindet oder gar vorhandene qualifikationen möglichst effektiv entwertet. Es gibt in Deutschland kein recht auf einen hochschulzugang und höhere bildung, sehr wohl aber die pflicht zur flexibilität. Jemand der z.b. koch gelernt und ernährungswissenschaft studiert hat, muß deshalb noch lange nicht als solcher beschäftigt und schon gar nicht dementsprechend bezahlt werden. Das das einzige, das er zu lernen hat, ist, daß er genauso gut für einen€fünfzig pro stunde in der suppenküche arbeiten kann.
Ginge es nicht darum, ältere menschen zu diskreditieren, und sie als lernfaul abzustempeln, könnte ich Professor Roßnagel zustimmen, der mensch ist, zumindest theoretisch, beinahe jederzeit lernfähig.
Vielleicht meint professor Roßnagel sich selbst, wenn er sagt »wir interpretieren die teilnahme an einer fortbildung als zeichen der schwäche«. Ich nicht. Die realität sieht anders aus, als in diesem interview dargestellt: Bildung kostet geld und niemand möchte in jemanden investieren, den man in todes sicherer nähe wähnt oder den man gern rauswerfen und durch einen »besseren« ersetzen möchte. Auch jüngeren arbeitnehmern wird nicht wegen mangelnder motivation oft die fortbildung verweigert, sondern weil zahlreiche arbeitgeber es nicht einsehen, daß diese investition sinnvoll ist.
Überhaupt wird der fehler in symptomen aber nicht in der ursache, nämlich unserem bildungssystem gesucht. Das risiko, von der bildung abgehängt zu werden, ist bei uns keinesfalls erst jenseits der 40 gegeben, einem gar nicht mal so kleinen bevölkerungsanteil passiert das bereits im alter zwischen 6 und 16 jahren.
Wer schon als kind in der schule angst vor demütigungen haben mußte, wird vermutlich nie freude am lernen haben. Oder wer in ständiger angst um seine existenz leben muß, gezwungen jede noch so stupide arbeit auszuüben, hat keine möglichkeit, sein recht auf bildung einzufordern.
Oder wer gar in der regierung sitzt - der muß lernresistent sein.
Dieser text bezieht sich auf ein interview der Tagesschau (klick)
Dienstag, 10 Februar, 2009
BA-Vorstand will arbeitslose Jugendliche alt aussehen lassen
Als wäre es nicht ohnehin schon eine zumutung, daß arbeitslose junge menschen bei ihren eltern wohnen bleiben müssen, sie von vornherein von bildungsmöglichkeiten und somit von jeder zukunftsperspektieve ausgeschlossen werden, stellt vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), Heinrich Alt, fest, daß sie zu viel geld bekämen weil sonst womöglich »der, der nichts tut, von dieser Gesellschaft stärker belohnt wird, als der, der morgens früh aufsteht, zur Arbeit geht und lernen muss.«Daß herr Alt nicht auf die idee kommt, daß der industrie in punkto ausbildung zu viele zugeständnisse gemacht wurden, anstatt die ausbildungsbedingungen und -vergütungen zu verbessern, liegt nahe.
Stattdessen wird vertuscht, daß unser bildungssystem nicht dafür geschaffen ist, menschen wissen zu vermitteln, sondern in erster linie für die selektion gut ist.
Herr Alt ist offensichtlich der meinung, daß, wer hier ausgesiebt wird, nicht gefördert, sondern bestraft gehört.
Quelle: Stern
Sonntag, 08 Februar, 2009
MfS Upgrade
Wer in Berlin geschichtsrelevante orte sucht, wird sich vielleicht
in den östlichen abschnitt der Frankfurter Allee verirren. Unweit des
u-bahnhofs Magdalenenstraße ist an einem plattenbau folgende
gedenktafel angebracht:

Um
die architektur des bauwerks angemessen würdigen zu können, ist es
ratsam, ein paar schritte abstand zu nehmen und es noch einmal zu
betrachten:

Die
überwachungskamera wird von der heute dort ansässigen organisation
weitergenutzt. Täglich passieren tausende diesen ort, ohne daß sich
unmut breitmachen würde. Offenbar lebt man gern in dem zwiespalt, der
sich zwischen vergangenheitsbewältigung und realität der gegenwart
auftut.

Der überwachungsstaat ist nicht untergegangen. Die ideologie hat sich geändert, das tatmotiv ist geblieben.
Freitag, 06 Februar, 2009
Endlich etwas Positives: EU fördert das Recht
Allerdings natürlich nicht das recht auf arbeit gegen anständige bezahlung, faulheit bei schlechtem lohn, bildung, körperliche unversehrtheit, nahrung in ausreichender menge und qualität oder gar das recht auf leben. Die EU hat fördermittel bewilligt, um das Recht auf Blumen durchzusetzen:

Geht man mit offenen augen durch Berlin, sieht man derartige plakate allerorten, folgt man dem auf dem plakat angegebenen link, wird man aufgefordert irgendwelchen festen oder flüchtigen bekannten bettelmails zu schicken.
Ist doch egal, daß sich manch einer nicht einmal suppengrün leisten kann, im park auf der bank kann er sich an den akkurat bepflanzen rabatten erfreuen und sein recht auf blumen wahrnehmen. Ich empfehle zukünftige kampagnen für ein Recht auf Rosenkohl.

Mit den richtigen zutaten und beilagen kombiniert, kann dies durchaus dekorative gewächs sogar den hunger heilen. Mich freut es sehr, daß es in der EU keine anderen probleme als die förderung des absatzes von schnittblumen gibt, weshalb ich jetzt auch nicht auf die idee komme, dem erfinder dieser kampagne zur strafe alle skabiosen der welt an den hals zu wünschen.
Nachtrag: Als befürworter der gleichberechtigung empfinde ich die geschlechterrollen in dieser kampagne zu einseitig verteilt. Es wird das althergebrachte weltbild vermittelt, daß männer grobe klötze wären, die gegebenenfalls ihr bier aus der blumenvase tränken, abstatt mal darüber nachzudenken, wofür man die sonst benutzen könnte. Das ist diskriminierend.
Montag, 26 Januar, 2009
Terror, um das Ergebnis der kommenden Bundestagswahl zu beeinflussen?
Als ich gestern eher mit halbem ohr die nachrichten auf Deutschlandradio Kultur hörte, wurde dort berichtet, innenminister Schäuble befürchte terroristische aktionen, die das ergebnis der bundestagswahl 2009 beeinflussen sollen.Es ist mir aufrichtig peinlich, zugeben zu müssen, mit dem innenminister eine meinung zu teilen. Die erfahrung aus Hessen zeigt jedoch, daß schlimme befürchtungen angebracht sind. Ein ganzes jahr lang wurde die bevölkerung terrorisiert, weil ein wahlergebnis nicht wie gewünscht ausfiel.
Donnerstag, 15 Januar, 2009
15. Januar 1919
Stillgestanden, Hacken zusammen, Hände an die Hosennaht. Herr Doktor im weißen Mantel, Herr Pflasterkasten, hier ist ein Mann, den fanden wir im Tiergarten im Dreck. Hätten ihn beinahe überfahren, den haben sie auf die Straße geschmissen, das rote Pack. Tot ist er wohl auch, oder etwa nicht?
So, so. Unbekannter Mann, im Tiergarten gefunden. Gerade frisch scheint er auch nicht zu sein. Kopfwunden. Wollen mal Herztöne suchen.
Leider keine Zeit. Mann ist in besten Händen. Denken, haben unsere Pflicht getan. ’n Abend. Heraus, zum Auto. Gratuliere, ging fix, wie geölt. Den sind wir los. Unbekannter Mann im tiefsten Tiergarten gefunden, eine harte Nuß für Kriminalisten.
Im Ernstfall haben wir ihn auf der Flucht erschossen. (...)
Wo geht es jetzt hin? Wer weiß? Wer viel fragt, kriegt viele Antworten. Wohin? Wo es schön ist, zu Mutter Grün. Die Mutter ist nicht grün im Winter. Wo’s schön ist, wo’s düster ist.
Vorwärts, Jäger, Tempo, mehr Gas, nächster Gang.
Die blutige Rosa, die rote Sau, jetzt liegt sie da, man kann sich freuen. (...)
Die leiche Rosas wurde im Mai an Land getrieben. Die Beisetzung der beiden in Friedrichsfelde erfolgte unter riesiger Teilnahme der Berliner Arbeiterschaft und gestaltete sich zu einer Demonstration, die beinahe an die vom 6. Januar heranreichte. Sie war auch von derselben Masse wie damals gebildet, nur daß sie es jetzt leichter hatte wie im Januar. Denn jetzt brauchte man nicht zu streiten und zu beraten auf welche Objekte man sich werfen wollte. Jetzt stand das Ziel fest.
Man zog auf einen Friedhof.
Alfred Döblin
Sonntag, 04 Januar, 2009
Stoßgebet eines agnostikers
Im grunde hatte ich beschlossen, weihnachten und sylvester so mehr oder weniger zu verschlafen und erst recht die phrasendrescherei derer, die wir dafür bezahlen.
So erfuhr erst durch den kabarettisten Georg Schramm, daß Kirchenjuste*II, pardon ich meine natürlich Frau Köhler, gefordert haben soll, das volk solle in der krise mehr beten.
Das möchte ich auch tun:
»Karl Marx, wirf wirtschaftswissenschaftliche werke** vom Himmel, und triff die richtigen!«
*»Kirchenjuste« wurde im Berliner jargon die kaiserin Auguste Viktoria genannt. Sie ließ kirchen bauen, unter dem vorwand, soziales zu tun. In erster linie setzte sie sich damit selbst ein denkmal.
** »Das Kapital«, die bände IV bis XXV, in lesefreundlicher großdruckschrift auf extraschwerem papier gedruckt. Oder, das kommt bei der zielgruppe vielleicht besser an: auf steintafeln!
Mittwoch, 24 Dezember, 2008
Weihnachtslied, chemisch gereinigt
Nach der Melodie: »Morgen, Kinder wird’s was geben!«
von Erich Kästner
Morgen Kinder wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.
Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.
Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.
Tannengrün mit Osrambirnen -
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!
Morgen Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte ist soweit...
Oh, du liebe Weihnachtszeit!
Anmerkung: Dieses Lied wurde vom Reichsschulrat für das Deutsche Einheitslesebuch angekauft.
Dienstag, 16 Dezember, 2008
Eine tolle Sache?
Bei den medien ungefähr so beliebt wie urlaubstage, gehaltszahlungen und weiße weihnacht gleichzeitig sind sozialweihnachstmärkte. Früher gab es in Berlin einen, inzwischen sind es, vermutlich dank des aufschwungs im vergangenen jahr, drei.Und noch nie habe ich es erlebt, daß ein journalist etwas schlechtes darüber gesagt oder geschrieben hätte.
Im grunde müßte sich allein bei vokabeln wie »sozialweihnachtsmarkt« widerspruchsgeist regen! Nie wird die frage gestellt, weshalb es in einem reichen land wie der BRD möglich ist, daß das »christkind« oder der »weihnachtsmann« sich anschickt, um die armen kinder einen bogen zu machen und lieber nur die reichen zu beschenken, obwohl die sowieso schon alles haben.
Oder warum in vielen familien jede feier ausfallen muß, weil allein die energiekosten für das gänsebratenschmoren oder gar für lichter auf konifärengrün, den rahmen der haushaltsplanung völlig sprengten.
Stattdessen wird bejubelt, daß h4-empfänger und armutsarbeiter einander zum feste mit aufgemöbeltem sperrmüll verwöhnen dürfen. Es wird berichtet, daß sogar arbeitsplätze geschaffen worden seien. Stets verschwiegen wird, daß dies eben kein projekt auf eigeninitiative ist. Niemals wird darüber berichtet, zu welchen konditionen die beschäftigten dort arbeiten: Es sind in erster linie MAE-maßnahmen, im volksmund als 1€job bezeichnet. Stellen wie diese bieten keine berufliche perspektive, keine möglichkeit ohne staatliche gelder auszukommen und erst recht keine chance, der armut zu entrinnen.
Hinter dem sozialweihnachtsmarkt steckt eine organisation, die unter dem namen »Goldnetz« firmiert. Mir erscheint das als die klassische dreierkombination aus e.V., gGmbH und GmbH, die man benötigt, wenn man aus staatlichen fördermitteln, spendengeldern und staatlich subventionierter arbeitskraft privates kapital schlagen will.
Wenn tatsächlich einige handwerklich geschickte arbeitslose einen verein gegründet hätten, von dem sie tatsächlich leben könnten, wäre ihnen in unserem staat sehr schnell der status der gemeinnützigkeit abgesprochen worden, dann dürften sie keine spenden mehr sammeln. Die aktion wäre gestoppt worden, bevor sie richtig in gang gekommen wäre.
Das prinzip, mit dem in not geratene menschen mit hilfe von spendengeldern ausgebeutet, unterdrückt und in armut gehalten werden, beschrieb Hans Fallada bereits in den 20er jahren in seinem roman »wer einmal aus dem blechnapf frißt«. An dies prinzip knüpft die heutige ideologie an: Der arme hat moralisch »korrekt« zu sein. Essen gibt es nur für gute arbeit und als lohn mehr zu erwarten als einen bereits hart gewordenen kanten brot und ein bett in einem winters beheizten raum, wäre unmoralisch. Daß allerdings der staat selbst für derartige machenschaften zahlt, wäre für Fallada vermutlich grausame utopie gewesen.
Wir steuerzahler (also vom obdachlosen konsumsteuerzahler bis hin zum großverdiener) müssen dafür aufkommen, daß menschen in perspektivelosen »arbeitsgelegenheiten« beschäftigt werden, während andere fröhlich reibach für deren »betreuung« machen.
Arme menschen müssen arbeiten, um die eigene auswegslogsigkeit zu manifestieren
Samstag, 15 November, 2008
BSG Urteil: Geld verdienen nicht zweck der arbeit
Zitat:
Ein-Euro-Jobber bekommen weder Fahrkosten zur Arbeitsstelle erstattet noch eine höhere Entschädigung. Ihnen steht lediglich die übliche Aufwandsentschädigung für den Ein-Euro-Job zu. Im vorliegenden Fall hatte ein Mann mehr Geld verlangt, weil ihn allein die Monatskarte für die vier Kilometer lange Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr 51 Euro kostet. Die Richter lehnten sein Ansinnen ab. Aus der Entschädigung von 130 Euro könnten alle geltend gemachten Kosten im Zusammenhang mit dem Ein-Euro-Job gedeckt werden. Deshalb stehe dem Kläger kein höherer Anspruch zu.
Der Mann argumentierte, bei den maximal 130 Euro lohne sich die Arbeit nicht mehr, wenn er davon noch rund 40 Prozent für Fahrkosten ausgeben müsse. Sein Lohn sei daher "unangemessen". Dem hielt der Richter entgegen, diese Ansicht verkenne den Zweck von Ein-Euro-Jobs. Das Gericht ließ zudem offen, ob die gezahlte Entschädigung überhaupt einen Anreiz für die Tätigkeit beinhalten muss.
Quelle: Stern. Gefunden über nachdenkseiten
Ich kann es sehr gut verstehen, daß der mann geklagt hat. Derartige bezahlung ist nicht nur unangemessen, sondern der blanke hohn! Ein extrem- oder einzelfall ist das allerdings nicht. Es betrifft zwar nicht unbedingt 1€jobs, sondern auch anderweitig staatlich »geförderte« arbeitstellen: Es kommt vor, daß von 113 bei 40stundenwoche verdienten euros 72 für die monatskarte draufgehen. Das ist nicht ungewöhnlich. Mir sind persönlich (zu) viele menschen bekannt, die unter solchen bedingungen arbeiten müssen.
Dennoch muß ich dem richter zustimmen. Der zweck von 1€jobs und ähnlichen »beschäftigungsmaßnahmen« ist nicht das geldverdienen. Das ist zwangsarbeit mit dem zweck der erziehung. Soweit ich als nichtjurist das beurteilen kann also mit unserem grundgesetz nicht vereinbar!
Eine andere frage, die dies urteil aufwirft: Was ist zu tun, wenn die arbeit nicht mehr der sicherung des lebensunterhaltes dienen soll? Muß man nicht spätestens an dieser stelle die systemfrage stellen?
Dienstag, 04 November, 2008
November
Georg Heym
Der wilden Affenscheiße ganze Fülle
Liegt auf der Welt in den Novemberkeiten.
Der Mond ist dumm. Und auf den Straßen schreiten
Die Regenschirme. Daß man warm sich hülle
In starke Unterhosen schon beizeiten.
Nur Bethge* haust noch auf dem Dichter-Mülle
Man nehme sein Geschmier. Zum Arschwisch knülle
man das Papier zum dienst der Hinterseiten.
Die Martinsgans glänzt in der braunen Pelle
Stefan george steht in herbstes-staat.
an Seiner nase glänzt der perlen helle.
Ein gelbes Rotztuch blinkt. Ein Auto naht.
Drin sitzt mit Adlerblick die höchste Stelle.
Fanfare tutet: Selerie Salat!
* oder Benzmann oder Hesse – nach Belieben!
Montag, 27 Oktober, 2008
Auch ohne Schinkel: Neue wege zur verblendung
oder: verspäteter bericht über einen sonnigen samstagnachmittagsspaziergang.Am 11. oktober hatte ich eine keineswegs unwichtige verabredung zum nahchmittagsspaziergang. Weil die luft lau und das wetter schön war, hatten sich erfreulich viele eingefunden (informationen dazu hier). An der wegstrecke kamen wir an der schinkelei vorbei und dort war folgendes spansparent angebracht:

Ins Deutsche übertragen heißt der text: Willkür stärken, zwangsarbeit fördern!
Hier braucht man keine arbeiter mehr, die backsteingebäude errichten, um sie dann wie griechische tempel o. ä. aussehen zu lassen. Man braucht nur menschen, die willig sind, statistiken zu verbessern.
Und willig werden menschen, wenn sie sich in ihrer existenz bedroht fühlen. Auf der einen seite des schreibtisches das ignorante pack, zu dessen gunsten die propaganda läuft. Schließlich ist, wer in diesem system scheitert, selbst schuld und minderwertig. Somit muß auch niemand ein schlechtes gewissen haben, solchen menschen schlecht bezahlte arbeitsverhältnisse zuzuweisen und ihnen dann auch noch nach gutdünken aufstockendes h4 zu verweigern. Bei nettolohn unter 800 €.
Auf der anderen seite das stets verfügbare arbeitslosenheer, das dank rechtlosigkeit für jeden dreck verwendbar ist und sei es »nur« der krieg gegen tariflohn und soziale standards.
»Reformkurs halten...« da kommt man sich fast vor, als stünde man auf der Titanic, die zielgerichtet ihrer bestimmung entgegensteuert...
Freitag, 10 Oktober, 2008
Willkommen Bombardier?
Besucht man Berlins größtes einkaufsparadies mit direktem gleisanschluß, erblickt man am westlichen ende der (kauf)halle in übergroßen leuchtelettern folgenden schriftzug:

Angesichts dieses wortes wundert es mich nicht, daß Berlins neueste einkaufsgelegenheit mit indirektem gleisanschluß ungefähr den bunkerartigen charme einer tiefgarage hat:

Die zeit der konsumtempel aus glas und stahl scheint vorbei. Die sind bei bombardements zu unpraktisch, wo soll man dann mit all dem altglas hin? Die trümmer aus beton hingegen sind viel praktischer, sie können später der landschaftsgestaltung dienen, schließlich kann man aus ihnen weitere Humboldthöhen und Teufelsberge aufschütten.
Berlin hat noch nicht genug berge aus weltkriegsmüll.

Sonntag, 28 September, 2008
Neueste forschungsergebnisse
Sensation! Das pflichtblatt für menschenkenner hat Steinmeiers menschliche seite entdeckt!Linkhinweis: Wie immer entziehen sich die inhalte von verlinkten seiten meiner einflußsphäre.
Donnerstag, 25 September, 2008
»Mit Ausnahme der Kommunisten«
Klassengenossen, in welchen Lagern ihr stehen mögt:
Hat euch das Wort der Regierung
nicht tief zu denken gegeben:
»Alle Parteien sind zugesassen,
am Sender Wahlpropaganda zu treiben —
mit Ausnahme der Kommunisten!«
Noch einmal — hört aufmerksam zu:
»Alle — mit Ausnahme der Kommunisten!«
Wißt ihr denn, was das bedeutet?
Wißt ihr denn, was sie damit gesagt haben?
Alle Parteien durchkreuzen der Regierung
nicht die »gottgewollte Regelung der Dinge«.
»Alle — mit Ausnahme der Kommunisten!«
Alle Parteien rühren nicht an der Ordnung
der Kirche, des Kapitals und der Volksentrechtung,
»Alle — mit Ausnahme der Kommunisten!«
Ja, Klassengenossen, das ist die Wahrheit!
Die Regierung hat hier die Wahrheit gesprochen.
Die Regierung ist die Bastei des Profits.
Sie wird jeden Aufruf ersticken,
der den Brand in ihre Festungen schleudert.
Sagten die Sozialdemokraten:
Wir stützen den Kapitalismus!?
Glaubt ihr, Klassengenossen, wenn dem so wäre,
glaubt ihr, wenn die Regierung nicht wüßte:
dieser Sturm kommt aus der Windmaschine,
glaubt ihr, sie ließe Sozialdemokraten
am Sender sprechen?
Sagten nicht die Nationalsozialisten:
Wir stürzen den Kapitalismus!?
Meint ihr denn denn, der Generalstab des Kapitals
ließe die Nationalsozialisten ans Mikrophon,
wenn er nicht wüßte, daß diese seine treuen Dienstmänner sind?
Klassengenossen, wo ihr auch stehen mögt:
Hat die Regierung nicht die Verfassung beschworen?
Zerreißt sie nicht diese selbe Verfassung,
da sie der Partei der Arbeiter-Staatsbürger
das Recht der Propaganda zertritt?
Welche Furcht müssen die Herrschenden haben
vor der Propaganda der Freiheit,
welche Furcht vor der Wahrheit!
Alle werden ihr Äthersprüchlein aufsagen,
die Schwachköpfe des Liberalismus,
die Militäranwärter des Dritten Reichs,
die Eiferer der heiligen Inquisition,
die weimernden Bittsteller der SPD,
alle, die den Turm der morschen Bastei
mit dem Mortel der Volksgemeinschaft kitten,
»Alle — mit Ausnahme der Kommunisten!«
Denn alle werden
den Ausweg nach rückwärts empfehlen,
alle werden
die Ordnung der Unterdrückung verewigen,
die einem aus machtrohem Trieb,
die anderen aus Hilflosigkeit.
Alle —
»alle — mit Ausnahme der Kommunisten!«
Klassengenossen, in welchen Lagern ihr auch stehen mögt:
Hier ist das Attest,
ausgestellt von der Reaktion:
Sie kennt nur den einen Feind —
die Kommunisten!
Sie glaubten, uns zu beleidigen.
Aber sie haben es nicht bedacht,
wie sehr sie uns ausgezeichnet haben.
Erich Weinert, 1932

